Violet Dreams Code ...Violet Dreams...
Er wachte auf.
Aus einem langen Traum. Der Traum war schön, soviel wußte er noch, aber worum ging es?
Er konnte sich nicht erinnern, er wußte nur, daß es ein guter Traum war. Oder war es kein Traum?
Wer sagt was wirklich ist und was nicht ?
Er dachte immer viel über solche Dinge nach. Suchte nach vielen Antworten. Und immer kam er zu dem Entschluß, daß irgend jemand vergessen hatte, die Antworten auf die vielen Fragen hier zu lassen. Derjenige, der die Antworten hatte, mußte sie wieder mitgenommen haben, wo immer er auch jetzt ist. Trotzdem suchte er immer weiter.
Der Morgen war schön, denn die Sonne strahlte und die Vögel sangen ein fröhliches Lied. Er sah die Zimmerdecke an und bemerkte, daß Zimmerdecken etwas eigenartiges an sich hatten. Irgendwie waren sie alle gleich und doch alle ganz verschieden, keine gleichte der anderen. Es war nicht seine Zimmerdecke, die er da anstarrte. Er wußte gar nicht, wem sie gehörte oder zu welchem Haus sie paßte. Er sah nur, daß sie weiß war, aber doch anders als alle anderen, die er bis jetzt in seinem Leben gesehen hatte.
Plötzlich störte etwas seine Konzentration. Als er das Weiß so anstarrte, hörte er ein lautes Krachen, das aus einem anderen Zimmer kam. Es hörte sich an, als wenn ein großer Turm von Kochtöpfen zusammenkrachte. Es war, als holte ihn dieses Geräusch aus einer anderen Welt in diese wieder zurück. Doch mochte er die andere mehr.
„Guten Morgen, Schlafmütze!“, tönte es aus dem anderen Zimmer.
Er drehte sich im Bett um und sah einen Teddy in seinen großen schwarzen Knopfaugen, als auf einmal jemand in das Zimmer kam. Es war ein Mädchen, oder eine Frau?
Er fragte sich, wo genau der Unterschied lag , doch er wußte auch keine Antwort auf diese Frage.
„Willst du nicht langsam mal aufstehen, es ist 10:00 Uhr?“, sagte sie mit laut erhobener Stimme.
Er gab nur ein komisches „hmmm“ von sich und nahm den Teddy in die Hand; drückte ihn und streichelte durch sein Fell.
„Das Frühstückt ist auch schon fertig!“, fügte sie noch hinzu, als sie sich wieder aus dem Zimmer begab. Dann forschte er nach, ob er vielleicht Hunger hatte und ob das ein Grund sein könnte aufzustehen. Doch er hatte keinen Hunger und deshalb auch keinen Grund aufzustehen. So blieb er noch liegen, bis er einen Grund finden würde, das Bett zu verlassen. Im Bett ließ es sich eben am besten nachdenken; und er war gerade in der Laune über die Dinge nachzudenken.
Musik ertönte aus dem Nebenzimmer und laut dem Gelaber mußte es sich um Radio handeln.
Er nahm den Teddy mit beiden Händen, legte sich wieder auf den Rücken und hielt ihn dabei mit ausgestreckten Armen vor sein Gesicht und sah ihn eine ganz Weile so an. Plötzlich ließ er ihn fallen, warf die Bettdecke bei Seite und sprang aus dem Bett heraus.
So stand er dann da, nur mit einer Unterhose bekleidet und streckte sich einmal. Gleich darauf beschloß er erstmal bessere Musik, als die aus dem Radio, reinzumachen. Allerdings hatte er keine CDs dabei und welche im Zimmer zu suchen hatte er jetzt auch keine Lust.
Er zog sich an und ging in die Küche um sich sein Frühstück abzuholen. Als Grund, warum er aufgestanden ist, gab er an, daß er ja auch keinen Grund gefunden hatte im Bett zu bleiben.
Zwar wußte er nicht so genau, wo die Küche war, aber er folgte einfach den Radiogeräuschen. Dort angekommen blieb er im Türrahmen stehen und sah in die Küche. Das Mädchen saß auf einem Stuhl und trank gerade etwas aus einer großen runden Tasse. Es roch nach Toast und Kaffee im Raum. Er sah sich das Mädchen genauer an; sie hatte kinnlange rote Haare, eine etwas spitze Nase und leuchtend blau-grüne Augen. Er machte sich nicht viel daraus und setzte sich an den Tisch.
„Guten Morgen, du! Wie geht es dir? Ausgeschlafen?“ , fragte sie ihn und guckte ihn dabei mit ihren großen runden Augen an.
„Gut. Ja.“ , antwortete er nur.
„Du redest ja nicht gerade viel, oder?“ , fragte sie wieder.
Sie wußte wohl nicht, daß er nie viel redete, sondern lieber dachte. So kann man nicht mißverstanden werden. Außerdem hatte er nie sonderlich Lust, sich mit jemanden über oberflächliche Sachen zu unterhalten. Obwohl ihm das schon wieder zu einer Frage brachte, was ist oberflächlich und was nicht? Vielleicht ist das ja für jeden Menschen anders.
Schon wieder Fragen, auf die er noch keine Antworten hatte. Nun, trotz allem, beschloß er jetzt ein bißchen zu reden.
„Kannst du mir sagen, wo ich bin?“, fragte er und sprach dabei sehr schnell. Er guckte sie auch nicht an, sondern sah aus dem Fenster, wo er nur ein paar Bäume sah, die sich im leichten Wind etwas hin- und herbewegten.
„Du bist bei mir. Meine Eltern sind nicht Zuhause. Mein Name ist Julia.“ , antwortete sie genauso schnell, wie er die Frage gestellt hatte. So als hätte sie es bemerkt, wie schnell er sprach und bewußt genauso schnell geantwortet.
Erst jetzt versuchte er zu schätzen wie alt sie wohl ist; er tippte auf 16 oder 17. Aber im Schätzen war er noch nie sehr gut.
„Und?,“ sie machte nach dem Wort eine etwas längere Pause und nahm einen Schluck aus der Tasse, die sie die ganze Zeit mit beiden Händen umfaßt hielt „Wie ist dein Name?“
„Leo.“, sagte er und fragte sich dabei warum er nicht Romeo hieß.
„Kannst du mir sagen, wie ich hier hergekommen bin ?“, fragte er und guckte dabei auf die Tasse in ihren Händen.
„Nun, gestern hat dich mein Bruder hier hergebracht. Er sagte, du hättest etwas zu viel getrunken und dich auch noch geprügelt. Deshalb legte ich dich in mein Bett und schlief auf der Couch im Wohnzimmer.“
„Komisch, daß ich mich an nichts mehr erinnern kann.“, gab er nur von sich.
„Nun, du hattest wohl echt etwas zuviel getrunken, denk ich mal. So zumindest sahst du gestern aus, als dich mein Bruder hier abgeliefert hat.“
Sie guckte jetzt aus dem Fenster und plötzlich lächelte sie. Ihm fiel das gleich auf, denn er achtete immer auf diese kleinen Sachen. So guckte er auch aus dem Fenster.
„Ein schöner Tag heute. Die Sonne scheint wieder und die Vögel singen ein fröhliches Lied. Vielleicht ein Grund sich zu freuen und zu hoffen.“ , sagte sie leise mit einer melancholischen Stimme.
„Ein Grund zu hoffen? Worauf ?“ , fragte er mit der selben melancholischen Stimme.
„Eine gute Frage...“ , sie machte eine kleine Pause, „vielleicht zu hoffen, daß man eines Tages so sein kann wie man will. Die Antworten findet auf die Fragen oder einfach nur weiterträumen kann. Ich weiß nicht worauf, aber es ist ein schönes Gefühl.“
„Träumen, Hoffen. Hat es beides nicht was gemeinsam? Ist es nicht so, daß wenn man träumt auch gleichzeitig hofft, daß dieser Traum in Erfüllung geht? Vielleicht geht er ja schon in Erfüllung, wenn man ihn träumt. Wer sagt, was wirklich ist und was Traum ?“, manchmal haßte er es so viele Fragen zu stellen. Er wußte auch nicht so genau, warum er auf einmal so viele Fragen stellte an eine Person, die er seit 5 Minuten kannte. Aber es war gleich eine Vertrautheit da. Es gab nicht viele Menschen, bei denen er so sein konnte, wie er ist. Und er haßte es Masken zu tragen.
„Wenn man träumt hat man wohl die Hoffnung, daß dieser Traum eines Tages in Erfüllung gehen wird. Vielleicht ist das ein Sinn im Leben. Seine Träume zu Leben. Wer kann dir diesen Augenblick nehmen, wenn dein Traum Wahrheit wird und du so überglücklich bist. Wirst du diesen Augenblick jemals vergessen? Lohnt es sich nicht dafür zu leben? Vielleicht. Ich weiß die Antwort auch nicht, aber wer weiß sie schon?“, als sie all dieses sagte, guckte sie ihn an, aber er bemerkte es irgendwie gar nicht weiter. Wohl hatte er auch Angst manchmal den Menschen in die Augen zu gucken, weil er genau wußte, daß er dort die Wahrheit finden würde. Er konnte es gut.
„Jemand hat sie wieder mitgenommen.“ , sagte er nur.
„Was?“ , fragte sie als hätte sie eben gar nicht zugehört. Als wäre sie eben in dieser fernen Traumwelt gewesen und wäre erst jetzt durch seine Worte wieder zurückgekommen.
„Die Antwort.“, sagte er und guckte ihr in die Augen.
Manchmal fürchtete er sich, wenn er anderen Menschen in die Augen sah. Er sah dort immer, daß die meisten ganz anders sind, als sie vorgeben zu sein. Dort entdeckte er die wahre Person. Doch bei ihr war es anders, sie schien in diesem Augenblick wirklich sie selbst zu sein und keine Maske zu tragen, unter der sie sich versteckte.
Irgendwie versteckt sich aber doch jeder. Selbst er. Es gab nur wenige Menschen, bei denen er so sein konnte wie er ist. Bei ihr fühlte er dieses Gefühl gleich von Anfang an und es war ein schönes Gefühl. Denn die Masken sind manches Mal schwer zu tragen und mit der Zeit werden sie immer leichter, und irgendwann will man sie gar nicht mehr abnehmen, weil man denkt, daß man mit ihnen besser leben kann. Doch er wußte, daß dies ein Irrtum war, oder auch nicht? Für die, die sie tragen, so schien es ihm bis jetzt immer, war das Leben irgendwie sehr viel leichter. Nicht so kompliziert und sinnlos. Er dachte daran, daß wenn man eine Maske trägt und sie nicht mehr abnimmt, es ein bißchen einem Selbstmord ähnelt.
„Ja, stimmt. Irgendwer muß sie wieder mitgenommen haben, ohne uns zu sagen, wo wir sie finden können. Vielleicht finden wir die Antworten in den kleinen Dingen des Lebens, die sich nicht ändern.“
Er liebte die Art, wie sie etwas sagte. Er fragte sich, ob man die Antwort bei einem anderen Menschen finden kann, wenn man ihm nur tief genug in die Augen schaut.
„Und welche Dinge ändern sich nicht ?“ , fragte er.
„Nun, ich denke an sowas, wenn man sich darüber freut, daß die Sonne scheint, daß der Wind einem durch die Haare weht oder das man den Regen auf seiner Haut spürt.“, als sie das sagte, machte sie die passendes Gesten dazu. Als erstes tat sie so, als ob sie zur Sonne schaut und kniff dabei sogar die Augen zu. Danach faßte sie sich mit der Hand durchs Haar und dann streichelte sie sich mit der anderen Hand über ihre Haut.
„Vielleicht hast du recht. Die kleinen Dinge sind wichtig. Aber was ist noch wichtig für dich?“ , ihm fiel auf, daß er immer nur Fragen stellte, aber kaum antwortete, deshalb beschloß er gleich auf seine eigene Frage zu antworten.
„Für mich ist wichtig, daß ich nie verlerne zu träumen, daß ich irgendwann mal Musik machen werde und daß ich immer ich bleibe; und einen Menschen finde, der mich versteht.“
„Das ist dir also wichtig...hmm...für mich auch. Ich möchte auch immer träumen können , Gedichte schreiben, Nachdenken und nie vergessen, wer ich bin. Jeden morgen, wenn ich aufwache, bin ich am meisten ich selbst. In dem Augenblick, in dem du noch gar nicht weißt, wo du bist, wie spät es ist oder ob es hell oder dunkel draußen ist. Genau da, in dieser Welt von Traum und Realität, bin ich ganz und gar nur ich. Vielleicht verstehst du nicht, was ich meine... Ach ich laber schon wieder so viel Scheiß, sorry.“ , sie faßte schnell ihre Tasse und ging zum Geschirrspüler um sie einzuräumen. Leo blieb sitzen. Er saß da mit seiner zerfetzten Jeans und seinem schwarzen T-Shirt, mit dem Kopf auf die Hand gelehnt.
Eine ganze Zeit lang schwiegen beide. Es war eine schöne Stille. Leo dachte, daß alle Menschen immer krampfhaft versuchten zu reden, dabei ist es doch viel wichtiger mal eine Weile nichts zu sagen, die Ruhe zu genießen und über das, was man vorher gesagt hat, nachzudenken. Er fand, es gibt nicht viele Menschen, die das einfach so können.
Er stand auf und ging raus aus der Küche.
„Wohin willst du?“, fragte Julia aus der Küche, immer noch beschäftigt mit dem Geschirrspüler.
„Irgendwohin. Mal gucken. Hab noch kein bestimmtes Ziel.“ , sagte er nur und zog sich seine schwarze Jeansjacke über.
„Darf ich mitkommen? Ich hab hier nichts zu tun und alleine rumhängen hab ich keinen Bock drauf.“
„Klar, wieso nicht?“, antwortete er nur und steckte seine Hände wartend in die Hosentaschen.
„Ich bin gleich fertig.“
Nach 5 Minuten war sie dann fertig. Beide gingen raus. Sie gingen eine Weile und keiner der beiden sagte etwas. Leo dachte darüber nach, was er da gerade alles gesagt hatte und es kam ihm irgendwie alles recht komisch vor.
Julia dachte auch nach. Sie dachte darüber nach, was für ein Typ Leo ist und daß sie ihn echt interessant fand.
„Ich geh erstmal zu mir, willst du mitkommen?“ sagte Leo plötzlich, als er in eine Seitenstraße abbog.
„Klar komm ich mit.“, Julia ging ihm nach.
Und dann standen sie vor Leos Haus. Ein Einfamilienhaus mit einem großen Vorgarten.
„Hier, das ist mein Baum.“, sagte er und zeigte dabei auf einen der Bäume im Vorgarten.
„Dein Baum? Wieso ist das dein Baum?“
„Nun, weil ich ihn gepflanzt habe, als ich 5 Jahre alt war. Und siehst du, jetzt ist er sogar schon größer als ich.“
„Aha.“ , gab Julia nur von sich.
Leo kramte an der Haustür nach seinen Schlüssel. Schließlich fand er ihn in seiner rechten Jackentasche, zwischen Kaugummipapier und einer kleinen Glasflasche, in der wohl mal Wodka war.
Er machte die Tür auf und die Türglocke bimmelte. Leo nervte diese Glocke eigentlich schon immer, weil sie jedesmal krachmachte, wenn jemand reinkam. Aber sie hatte auch ihr Gutes. Als er mal Zuhause geraucht hatte, wußte er nämlich immer, wenn jemand kam und konnte so schnell die Zigarette ausmachen. Das Problem hatte er ja nun nicht mehr, da er ja nicht mehr rauchte.
Leo stapfte in sein Zimmer; Julia hinterher.
Julia fand sein Zimmer irgendwie schön. Es war voller Poster von Kurt Cobain und Nirvana, ab und zu auch ein paar andere Bands. Sein Bett war ganz durcheinander und mittendrin lag eine Katze. An seinem Schrank waren lauter Zeichnungen und Gedichte und auch ein paar Fotos. Über seinem Bett hingen ein paar Postkarten mit niedlichen Teddys drauf. Und als sie genau guckte, konnte sie sogar einen Teddy in seinem Bett entdecken.
Leo ging zu seiner Anlange und kramte in seinen CDs rum.
„Was willst du hören?“ , fragte er.
„Ich weiß nicht...mir egal. Vielleicht Silverchair oder so.“ , antwortete sie.
Nun, den selben Musikgeschmack hatten sie schonmal.
Sie setze sich auf sein Bett und las ein paar Gedichte, die über seinen Bett hingen.

Himmel

Kannst du den Himmel sehen
sagen was du fühlst
haßt dich selbst
weil du es nicht kannst
fühlst du den Schmerz
Fall in seine Abgründe
dein Blut ist warm
deine Hoffnung begraben
du kannst sie nicht ertragen
haßt die Menschen
weil du sie nicht lieben kannst
durchschaust ihr Handeln
ihre unmißverständliche Akzeptanz
einer Lüge
du bist nicht wert
das Kribbeln zu fühlen
Du bist tot
Ertrinkst in dunklen Wolken
Du bist zu schwach es zu tragen
das nie erfüllte Verlangen
brennt in dir
wie ein Funken
der dich am Leben erhält
in Wirklichkeit
zehrt er an dir
er läßt dich in Flammen aufgehen
das imaginäre Feuer quält dich
du windest dich in deinem Schmerz
doch niemand gibt dir Wasser
Vergessen, Vergessen
Angst vor dem Leersein
Flüchten, Fliehen
Wegsein
Warum kannst du die Welt nicht ertragen
Es gibt keinen Himmel

Das beeindruckte sie sehr.
„Von wem ist das? Von dir?“, fragte sie und zeigte dabei auf das Gedicht.
„Nein, da hängen keine Gedichte von mir!“, sagte er und Musik ertönte jetzt aus der Anlage.
„Wieso hängen hier keine von dir? Von wem ist es dann? Ich finde es sehr gut!“
„Es ist von einer Freundin. Und wieso sollte ich dort Gedichte von mir aufhängen?“
Sie sagte nichts darauf. Sie machte sich auf dem Bett breit und machte die Augen zu.
Leo saß auf einem Drehstuhl an seinem Schreibtisch und drehte sich immer hin und her.
So verging einige Zeit. Ab und zu sah Leo aus dem Fenster auf die vielen weißen Wolken am Himmel, die immer wieder gleich und doch immer anders aussahen.
„Hast du eine Freundin?“, fragte Julia, als sie sich gerade mit dem Kopf im Kopfkissen drehte.
„Nein.“ , antwortete Leo.
Julia kam alles so nah vor. Für sie war es irgendwie so ein magischer Augenblick, den man am liebsten einfrieren möchte. Doch dann kommt die Erkenntnis, daß man das nicht kann und damit kommt auch die Entäuschung. Trotzdem lächelte sie; genoß es im Bett zu liegen, die Musik zu hören und einfach mal nichts zu sagen. Ganz sie selber zu sein. Für sich.
Leo versuchte irgendwie etwas zu finden, worüber er reden konnte, doch er fand nichts. Nichts worüber es sich lohnen würde zu reden. Er haßte es, über unwichtige Sachen zu sprechen; meistens zumindest. Er machte es sich selber schwer.
„Glaubst du an Liebe?“ , fragte Julia plötzlich.
Eine Zeitlang blieb es still. Nur die Musik erfüllte den Raum.
„An Liebe, ich weiß nicht. Ist es nicht alles nur ein Spiel? Gibt es sowas wie wahre Liebe überhaupt? Oder bildet man sich das alles nicht nur ein? Vielleicht gibt es sowas wie Liebe, aber ich weiß nicht, ob es bei mir so ist. Es gibt Momente, da möchte ich an sie glauben, doch wiederum gibt es Momente, da wünschte ich, es würde keine Liebe geben. Vielleicht, weil Liebe eines der schönsten und eines der schlechtesten Gefühle ist, die man fühlen kann. Vielleicht, weil manche Leute zu einfach damit umgehen. Oder weil ich einfach zuviel darüber nachdenke. Ich weiß es nicht. Und was ist mit dir?“
„Liebe ist schon etwas, worüber ich mir auch viele Gedanken gemacht habe, aber irgendwie weiß ich nicht so recht damit umzugehen. Ich meine, was genau definiert Liebe? Was liebt man? Einen anderen Menschen? Ein Image? Vielleicht liebt man ja auch die Liebe selbst? Oder ist es das Verlangen nicht mehr alleine zu sein? Ich denke, es gibt schon Liebe, aber ...ach kein aber.“
Es wurde wieder eine Zeitlang still. Keiner sagte etwas. Julia lag einfach weiter auf dem Bett und fragte sich, was er wohl von ihr denken mag. Er faszinierte sie schon sehr, obwohl sie sich erst 2 Stunden kannten. Wie konnte das möglich sein? Sie beschloß aber erstmal nichts mehr zu sagen und zu warten, daß er etwas sagte.
Leo fragte sich, was sie wohl von ihm denkt und was er als nächstes sagen sollte. Sie faszinierte ihn jetzt schon, obwohl sie sich erst 2 Stunden kannten. Manchmal geht alles so schnell und manchmal passiert eine Zeitlang nichts. Er fragte sich, woran das wohl liegt? Ob es an ihm lag oder an anderen? Manchmal dachte er auch, er würde sich einfach zu viele Gedanken über etwas machen. Etwas durchschauen, was er gar nicht durchschauen sollte, weil es hinter dem Schein anders ist. Manchmal bewunderte er Menschen, die sich über nichts weiter Gedanken machen. Die einfach in den Tag hinein leben. Er fragte sich, ob es solche Menschen überhaupt wirklich gibt oder ob sie nur so tun würden?
Julia roch an seinem Bett. Es roch nach ihm. Ihr wurde klar, daß jeder Mensch seinen eigenen Geruch hat und daß man sich an einen Geruch meistens immer sehr gut erinnern konnte. Sie fragte sich, wie lange sie sich wohl an seinen Geruch erinnern würde. Vielleicht ihr ganzen Leben lang, vielleicht aber auch nicht.
Dann fing das Lied „Suicidal Dream“ von Silverchair an und Leo überlegte sich, ob es ein interessantes Thema wäre sich, über Selbstmord zu unterhalten. Er hatte sich schon viele Gedanken dazu gemacht. Oft viel zu viele. Also fing er an:
„Mein Selbstmordtraum.“
Julia war mit ihren Gedanken ganz woanders und hatte nicht so recht verstanden, was er gesagt hatte.
„Was hast du gesagt?“, fragte sie deshalb.
„Ach nichts weiter.“, sagte er nur. Er machte das öfter. Er sagte etwas sehr leise, so daß man ihn nicht verstand und dann tat er so, als hätte er nichts gesagt oder zumindest nichts Wichtiges. Er selber wußte nicht, warum er das machte; er fand, daß es eine gräßliche Angewohnheit war, aber doch machte er es immer wieder. Vielleicht wollte er nur prüfen, wie gut der andere gerade zuhört oder wo sich der andere gerade befindet.
Selbstmord. Ein Thema, über das sich Leo wirklich sehr viele Gedanken gemacht hatte. Er fand zwar, daß er selbst dafür wohl zu feige oder zu mutig sei, wie immer man das auch sieht, aber irgendwie bewunderte er auch Menschen, die es gemacht haben. Nicht für andere. Er fand es ziemlich schwachsinnig sich für andere Menschen umzubringen. Er fand es gut, wenn sich jemand umbringt, weil die Person es so wollte; für sich selber. Wenn man mit sich selber nicht mehr klar kommt, keinen anderen Ausweg mehr findet, sich selbst haßt. Und Leo haßte sich oft selbst.
Obwohl er von sich selbst denkt, daß er eigentlich einen ganz guten Charakter hat. Er dachte sich, wenn viele Menschen so seien wie er, würde die Welt besser aussehen. Trotzdem konnte er sich selbst in manchen Situationen nicht leiden. Ihm selber gefiel es auch, sich selbst nicht zu mögen. Vielleicht auch ein guter Charakterzug, vielleicht aber auch nicht. Es ist dieses
"Mit-sich-selbst-nicht-zufrieden-zu-sein", aber keinen Grund zu finden, warum man mit sich selbst nicht zufrieden ist. Es ist dieses sich nachts im Bett hin- und herwälzen und man nicht einschlafen kann, weil man über so vieles nachdenken muß und man doch nur schlafen will. Nicht mehr nachdenken will. Träumen will. Sich verlieren in einer anderen Welt. Vielleicht eine bessere Welt. So kam er sich immer komisch vor. Wenn er keinen Grund hatte unglücklich zu sein oder schlechte Laune zu haben, und sie trotzdem hatte. Er mochte es auch, schlecht drauf zu sein. Es war für ihn ein Gefühl von Leben.
Als er aus dem Fenster sah, sah er einen kleinen Vogel davonfliegen.
Er kam auch besser mit Menschen aus, die ungefähr genauso waren wie er. Leo glaubte aber, daß ihn keiner so richtig verstand.
„Hey du, woran denkst du gerade?“, fragte Julia so plötzlich, daß Leo aus seinen Gedanken gerissen wurde.
„Ich weiß nicht. An nichts.“, antwortete er nur. Sollte er ihr sagen, was er eben gedacht hatte. Jetzt wo sie fragte, wußte er es auch nicht mehr so genau. Gedanken sind so schnell, sie sind da und wieder weg.
„Wie kann man an nichts denken?“, hakte sie nach.
„Ich weiß nicht. Ich hab eben an nichts weiter Interessantes gedacht.“
„Das glaube ich dir irgendwie nicht.“ , sagte sie nur und drehte sich im Bett um.
Leo kam das schon komisch vor. Vielleicht wollte er es ihr sagen, aber was hatte es für einen Zweck. Er dachte darüber nach, was sie dann wohl von ihm denken würde, würde er jetzt sagen, was er gedacht hatte.
„An was denkst du gerade?“, fragte er.
„Ich denke gerade daran, daß dieses Gedicht sehr schön ist. Kann ich mir das abschreiben? Und außerdem hab ich gerade daran gedacht, wie du wohl so bist.“
„Wie ich so bin?“, sowas hatte er nicht erwartet.
„Ja, wie du so bist. Wie du denkst. Wie du fühlst. Wie du dich gibst. Und ich muß sagen, ich würde dich gerne näher kennenlernen. Du faszinierst mich auf eine magische Art und Weise.“
„Ich fasziniere dich? Wie das, du kennst mich doch noch gar nicht lange?“
„Das ist es doch gerade. Ich kenne dich noch nicht lange, aber du kommst mir schon jetzt so vertraut vor. Schon komisch. Deswegen möchte ich dich ja näher kennenlernen. Würde gerne wissen, wie du die Welt siehst.“
„Wie ich die Welt sehe? Das ist kompliziert. Außerdem weiß ich selber noch nicht genau, wie ich die Welt sehen soll. Alles eine Sache der Ansicht. Nichts ist wie es ist. Man kann immer alles drehen und anders sehen. Positiv oder negativ, oder wie auch immer. Es ist eine Sache der Sichtweise.“
„Was hältst du von schlafenden Menschen?“
„Wie kommst du darauf?“
„Ich finde schlafende Menschen schön. Sie haben dann sowas Unschuldiges. Vielleicht sind schlafende Menschen so schön weil sie der engen Welt entkommen sind , weil es in Träumen keine Grenzen gibt. Weil sie in diesem Moment vielleicht gerade im Frieden mit sich selbst durch Fantasiewelten wandeln; betrunken vom Glück. Aber man weiß es nicht und kann nur raten. Und dann empfindet man Freude, daß der andere wieder erwacht und man dann nicht mehr alleine ist. Und daß ein zauberhaft reales Wesen eine ganz neue Sicht der Welt verschenkt.“
Darüber mußte Leo erstmal nachdenken. Sie konnte es so gut ausdrücken. Sie faszinierte ihn auch schon jetzt.
„Was hältst du von Folgendem: 'Schön ist alles, was man mit Liebe betrachtet'?“, Julia drehte sich wieder um, als sie das sagte und guckte Leo jetzt an.
„Liebe. Mag schon sein. Aber was ist, wenn man es nicht mit Liebe betrachtet? Ist es dann weniger schön? Oder gar nicht schön? Bleibt aber das, was man betrachtet nicht das selbe? Nur für einen selbst ist es dann schön. Aber das ist wohl auch das Wichtigste. Also würde ich schon sagen, daß alles, was man mit Liebe betrachtet, schön ist.“
Julia grinste auf einmal und holte sich dann ein Kuscheltier hinter Leos Kopfkissen hervor. Es war ein weißen kleines Plüschtier. Sah aus wie eine Maus.
„Das ist Flonk.“
„Hi Flonk. Coolen Namen hast du.“ , grinste Julia das weiße kleine Stofftier an. Die Haare fühlten sich ziemlich echt an. Es hatte lange Haare, zwei kleine rote Augen und eine kleine schwarze Nase. Es sah richtig süß aus, fand sie.
Leo wurde es auf dem Stuhl ziemlich ungemütlich. Er hatte Lust sich ins Bett zu legen. Aber er fragte sich, ob das so eine gute Idee sein würde. Er beschloß zu fragen.
„Ähm...der Stuhl wird langsam unbequem. Meinst du, ich passe auch noch mit ins Bett?“ , fragte er leise und verlegen.
„Klar, dein Bett ist doch groß genug. Du mußt mich doch nicht fragen, ob du in deinem Bett liegen darfst.“, sie mußte schon wieder grinsen.
Also tögelte Leo aufs Bett und legte sich neben Julia. Sie gab ihm Flonk, als er neben ihr lag.
Er streichelte das Plüschtier ein paar mal durch die Haare. Plötzlich nahm Julia seine Hand und streichelte über sie. Er nahm ihre Hand. Sie berührten sich und streichelten sich immer weiter über die Hände. Leo kam alles so komisch vor. So unvorbereitet, doch er ließ es einfach geschehen. Julia mochte Hände sehr. Sie fand er hatte sehr schöne Hände. Und auch Berührungen waren etwas Schönes. Jemand anderes zu spüren. Zu fühlen. Sie fand Berührungen so schön, weil man nicht weiß, wie der andere fühlt. Wenn man sich selbst berührt, ist das etwas ganz anderes, als wenn man eine andere Person berührt. Es war irgendwie beruhigend. So lagen sie da. Eine Weile. Keiner schaute auf die Uhr und keiner von beiden sagte etwas. Sie lagen nur da und streichelten sich über die Hände.

Plötzlich klingelte es an der Haustür. Leo fühlte sich, als ob er gerade aus einem wunderschönen Traum gerissen wurde. Die Realität?
Er grinste nur einmal und zog die Hand weg. Stand auf und ging zur Tür. Julia blieb auf dem Bett liegen. Für sie war es, als ob wieder einer dieser schönen Augenblicke vorbei war. Nur noch Erinnerung. Aber sind Erinnerungen nicht alles, was man hat?

Leo machte die Tür auf. Ein lächelndes Gesicht guckte ihn an.
„Hi Leo, wie geht's?“, sagte Melanie.
„Ganz gut. Wie kommt's, daß du vorbeischaust?“, fragte er zurück, denn mit ihr hatte er nun ganz und gar nicht gerechnet.
„Nur so. Ich hatte gerade nichts Besseres zu tun. Was machst du gerade? Kann ich reinkommen?“
„Ja, wieso nicht?“
Beide gingen rein. Julia lag noch immer in seinem Bett und umklammerte das Kopfkissen.
„Hallo!“ , sagte Melanie als sie in das Zimmer kam und Julia dort liegen sah.
„Hallo!“ , antwortete Julia nur kurz.
„Ähm...also das ist Melanie. Melanie das ist Julia.“, sagte Leo und setze sich wieder auf seinen Stuhl und begann weiterzureden. „Und, wie geht's dir so?“
„Mir ganz gut. Außer, daß ich ein bißchen Streß Zuhause habe, aber das ist ja nichts Neues.“
„Stimmt. Zum Glück sind meine Eltern nicht so.“
„Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du Lust hast mit ins Kino zu kommen? Du kannst ja auch mitkommen.“, sagte Melanie und guckte dabei Julia an.
„Ich hab leider gerade kein Geld.“, gab Leo nur von sich.
„Ohh...das macht nichts ich, lade euch beide ein. Ich hab nämlich gestern 50DM auf der Straße gefunden, einfach so. Fand ich echt ein nettes Erlebnis.“
„Hast du Lust?“ , fragte Leo und schaute dabei Julia an.
„Ja klar, wieso nicht?“
„Okay, also gehen wir am besten gleich los. Die Filme fangen in einer halben Stunde an.“

Alle drei machten sich auf den Weg zum Kino. Sie waren 20 Minuten zu früh da, aber das war nicht so schlimm, weil sie sowieso 15 Minuten brauchten um sich auf einen Film zu einigen.
Der Film ging 2 Stunden und Leo hatte sich in dieser Zeit wie immer, wenn er ins Kino ging, mit Unmengen von Popkorn vollgestopft. Keiner der anderen beiden wollte auch nur ein bißchen Popkorn essen. Sie tranken beide nur 1 Cola. Leo verstand es nicht, wie man ins Kino gehen konnte und dann kein Popkorn ißt. Das war für ihn manchmal das Beste am Kino.

Der Film war zu Ende. Es war ein Liebesfilm, aber ohne richtiges Happy End.
Als sie aus dem Kino kamen, war es auch schon dunkel draußen. Und es war etwas windig, aber doch recht schön.
„Okay, was machen wir jetzt?“, fragte Melanie, als sie die ganze Zeit vor den anderen beiden auf und ab ging.
„Ich weiß nicht“ antwortete Leo, „vielleicht trinken wir noch was bei mir. Ich hab noch ein bißchen Wodka Zuhause.“
Der Vorschlag wurde akzeptiert und alle gingen wieder zu Leo zurück.
Bei ihm angekommen, machten sie sich im Wohnzimmer breit und Leo holte den Wodka aus dem Keller, und Gläser aus der Küche.
„Hey, bring auch in bißchen Cola zum mischen mit!“, rief Melanie noch, als er in der Küche war.
Leo kam vollbeladen zurück. Stellte alles auf den Tisch und schenkte sich ein bißchen Wodka ins Glas ein.
„Fernsehen oder Musik, oder beides?“, fragte er.
Die beiden anderen antworten gleichzeitig „Beides.“.
Beide grinsten nur. Leo schnappte sich die Fernbedienung, stellte einen Musiksender ein und setzte sich dann neben Julia.
So guckten sie eine Weile und schalteten immer mal wieder zwischen den Musiksendern um, wenn auf dem einem mal nichts Gutes lief.
Nach ca.1 Stunde ging Melanie dann. Leo begleitete sie noch zur Tür und ging dann wieder zurück ins Wohnzimmer, wo sich Julia auch schon auf der Couch breit gemacht hatte.
„Hey du und was machen wir jetzt ?“, fragte sie. Es war so gegen 11 Uhr.
„Ich weiß nicht. Bist du müde ?“, antwortete er nur und setzte sich auf den Sessel.
„Nein, ich bin überhaupt noch nicht müde. Ich hätte noch Lust irgendwas zu unternehmen.“, sie spielte die ganze Zeit mit der Fernbedienung rum.
„Und was würdest du noch gerne unternehmen?“, fragte Leo.
„Was Romantisches vielleicht. Irgendwas Verrücktes.“
„Was Romantisches also. Was ist für dich romantisch?“, Leo zündete eine Kerze an, die auf dem Tisch stand.
„Nun, wir könnten zu unserem Berg gehen und uns den Mond anschauen.“
„Von mir aus."
Leo stand auf und ging in sein Zimmer. Nach einiger Zeit folgte ihm Julia. Er stand da, suchte ein paar Sachen zusammen und packte sie in seinen Rucksack. Julia zog sich die Jacke an.
„Soll ich etwas Musik mitnehmen?“
„Ja, gerne.“
Leo packte seinen Discman, ein paar CDs und zwei kleine Boxen ein. Sie hatten es nicht weit bis zum Berg. Nach 10 Minuten zu Fuß waren sie da.
„Also, wir wollen ganz nach oben?“, fragte Leo und guckte an dem Berg hoch.
„Ja, klar wollen wir ganz nach oben. Von dort aus hat man eine wunderbare Aussicht auf den Himmel und auf die Landschaft. Ich mag es, wenn es draußen dunkel ist und die Lichter der Städte leuchten. Ich mag es auch, wenn ich eine dunkle Straße langgehe und nur die Laternen Licht spenden.“
Die beiden machten sich auf den Weg nach oben. Julia war ein bißchen schneller als Leo.
„Los komm' schon, ein bißchen schneller!“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, er nahm sie und lächelte sie dabei an.
Oben angekommen packte Leo erstmal seine Sachen auf die Bank die dort stand. Julia setzte sich hin aber Leo ging nochmal zum Stein. Auf dem Stein war in schwarzen Zahlen eine 77 geschrieben, was wohl die Höhe des Berges war. Er berührte sie mit den Händen. Er fühlte den kalten Felsen. Es war schön. 77.
Dann ging er zu Julia und setze sich neben ihr auf die Bank. Kramte in seinem Rucksack und machte Musik an. Er machte „glycerine“ von bush an. Ein schönes ruhiges Lied.
Julia fand es wunderschön, da zu sitzen und den Mond zu beobachten. Neben ihr jemand, den sie erst seit heute kannte, der ihr aber doch gleich so vertraut vorkam, wie noch nie jemand zuvor. Woran lag das nur? fragte sie sich, doch sie wußte keine Antwort. Wieder keine Antwort auf eine Frage. Er war irgendwie anders, als die meisten Leute, die sie kannte. Wieso konnte sie nur so gut mit ihm reden?
Leo saß da. Lauschte der Musik und dachte, was für ein schöner Augenblick es doch ist. Ein Augenblick, von dem man sich wünscht, wenn er zu Ende ist, daß er länger gedauert hätte. Aber auch ein Augenblick, an den er sich noch lange lange erinnern würde. Ein ganz besonderer Augenblick. Er sah zum Mond und fühlte sich innerlich sehr zufrieden. So zufrieden wie schon lange nicht mehr. Woran lag das? Lag es an Julia, die er heute erst kennengelernt hatte und die ihn gleich mit ihrer Art und Weise verzaubert hatte? Lag es an diesem Augenblick? Er wußte mal wieder die Antwort nicht, aber er dachte sich, daß man besser manchmal keine Antwort braucht. Vielleicht ist es manchmal besser, die Dinge so zu lassen wie sie sind. Manche Dinge würden wohl sonst ihren Zauber verlieren. Und was würde dann noch übrigbleiben?
Julia kam näher an ihn heran. Er bemerkte es gar nicht, weil er immer noch mit seinen Überlegungen beschäftigt war. Dann neigte sie plötzlich ihren Kopf über seinen Kopf. Leo wußte erst gar nicht wie ihm geschieht oder was los war; er lies es einfach passieren. Ihre Lippen preßten sich auf seine. Sie öffnete den Mund und er tat es ebenso. Ihre Zungen berührten sich und spielten miteinander. Sie küßten sich so mehrmals und keiner sagte ein Wort. Es war sehr still, nur ein paar Frösche quakten ein leises Lied.
Jetzt wußte Leo mit Sicherheit, daß es ein ganz besonderer Augenblick war. Er hatte es sich schon oft ausgemalt, wie es mal wäre mit einem Mädchen auf einen Berg zu klettern und sich die Sterne anzusehen. Er hatte oft davon geträumt, doch dachte er nie, daß es so schön sein würde, wie in seinen Träumen und doch war dieser Augenblick jetzt da. Und er war noch schöner, als er es sich erträumt hatte. Nicht durch ihn, sondern durch Julia wurde es so schön.
Julia genoß diesen Augenblick auch sehr. Auch sie hatte es sich schon oft vorgestellt, wie es wäre, mal mit einem Jungen nachts auf einen Berg zu steigen und sich die Sterne anzusehen. Doch was sie jetzt erlebte, war noch viel schöner, als das, was sie sich in ihrer Phantasie ausgemalt hatte.
Beide umarmten sich und küßten sich noch eine Weile.
Der Wind wehte über die beiden, aber keinem von beidem war kalt.
Es war diese Wärme, die beide spürten, als sie sich mit verliebten Augen anguckten.
Nach einiger Zeit stand Julia auf und ging auf den Stein zu. Leo packte die Sachen zusammen.
„Hey, wollen wir los?“, fragte er mit leiser Stimme.
„Ja, okay.“, antwortete sie nur.
Beide machten sich wieder auf den Weg den Berg runter.
Leo fragte sich, was da wohl eben oben auf dem Berg passiert ist. War es etwas ganz Besonderes oder etwas, was jeder macht und jedem schon mal passiert ist ?
Er fragte sich, was sie wohl denkt.
Julia fragte sich, was da wohl eben auf den Berg passiert ist. Ob es etwas Besonderes war? Ob sie diesen Augenblick nie vergessen wird? Sie wollte ihn nie vergessen. Aber ob das wohl die Wahrheit ist?
Wieso mußte sie nur ständig alles hinterfragen.
Sie fragte sich, was er wohl gerade denkt.
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